Teil 2: Was ist dran am Gruselmärchen vom „Hotel Ukraina“?

Erwacht in einem Albtraum: Roman (links) ist tot, Thomas (rechts) gebrochen - (c) Billy Six

Erwacht in einem Albtraum: Roman (links) ist tot, Thomas (rechts) gebrochen – (c) Billy Six

Recherche auf eigene Faust. „Ich dachte, wenn ich sterbe, können andere leben.“ Thomas, abgebrochenes Studium, gescheiterte Ehe. Der junge Mann zeigt den Ort seines Lebenstraumas. Roman, sein Kumpel, verblutete am 20. Februar neben ihm auf dem kalten Winterboden. Der treue Freund, ein Psychologiestudent, mochte reisen, lesen und Tätowierungen. Mit 19 endete sein Leben, beim Versuch mit den Maidan-Kameraden die Institutskaja-Straße in Richtung Regierungsviertel vorzustoßen. Ausgerüstet mit Metallschilden, Schlagstöcken und Brandflaschen. Der Todesschuss sei vom Hügel des Oktoberpalastes gekommen, sagt Thomas, „dort standen 50 bis 60 Männer der Staatsmacht in 75 bis 100 Metern Entfernung“. Videos belegen die schwarz uniformierte Angriffsmacht mit gelben Armbinden, ausgerüstet mit Schusswaffen. Doch Thomas will noch etwas ganz anderes aufgefallen sein: Mysteriöse Scharfschützen, die vom Dach des „Hotel Ukraina“ Richtung Maidan geschossen hätten. Die Geschichte ist populär, viele Ukrainer glauben daran. Und Thomas war einer derjenigen, der sie erschuf: Über sein Funktelefon warnte er vor der vermeintlichen Gefahr, und heizte die Panik jenes Tages an. Was hat er genau gesehen? „Da war ein Blitzen, ganze acht Mal, und dazu Silhouetten.“

Gibt Rätsel auf - das Hotel Ukraina, vis-à-vis zum Maidan - (c) Billy Six

Gibt Rätsel auf – das Hotel Ukraina, vis-à-vis zum Maidan – (c) Billy Six

Ein guter Scharfschütze hätte derartiges jedoch zu verhindern gewusst, sagt Waffenexperte Carsten Bothe, der selbst Ausbildungs-offizier bei der Jägertruppe der Bundeswehr war, auf eine Anfrage. Es erscheine jedoch „sehr wahrscheinlich“, so Bothe, dass es sich um eine Verwechslung mit dem Aufleuchten von Kameras der zahlreichen Reporter gehandelt habe, welche an den Fenstern standen. Die Hotelleitung des „Ukraina“ bestätigt: Es war „zu 99 % ausgebucht“ – und die Journalisten zogen es vor, aus ihren Zimmern über das Geschehen zu berichten.

Unbescholtener Kameramann erlebte Schock seines Lebens

Im Schatten des "Ukraina" - Mikola Romanjuk präsentiert Streifschüsse an den Bäumen

Im Schatten des „Ukraina“ – Mikola Romanjuk präsentiert Streifschüsse an den Bäumen – (c) Billy Six

Mikola Romanjuk, 52jähriger Bauarbeiter und Jägersmann aus den Karpaten, hat als Mitglied der „Samooborona“ (Selbst-verteidigung) von Januar bis März den Eingang des Hotels bewacht. Nun sitzt er tagtäglich in einer gezimmerten Holzhütte auf der anderen Seite, unwillig, sich von der ins Herz geschlossenen Straßenbarrikade zu trennen. „Nein“, insistiert er, „da gab es keine Scharfschützen im Ukraina-Hotel, auch wenn das alle erzählen.“ Sämtliche Gepäckstücke, selbst die Handtaschen von Frauen habe man an den entscheidenden Tagen kontrolliert. Mikola erinnert sich an den Tag nach dem großen Sterben: „Am 21. Februar hat unsere Einheit ein Zimmer im neunten Stock gestürmt, wo wir dachten, das ist ein Scharfschütze.“ Tatsächlich habe es sich jedoch um einen französischen Kameramann gehandelt, der voller Schreck das Filmen einstellte.

( –> Gespräch https://www.youtube.com/watch?v=yHv-IpBRb8k )

Löcher wie bei einem Leoparden-Fell

Elena Korneva, stellvertretende Vertriebschefin

Elena Korneva, stellvertretende Vertriebschefin, in der Hotel-Lobby – (c) Billy Six

„Die Leute übertreiben“, sagt Elena Korneva, stellvertretende Vertriebschefin im „Hotel Ukraina“. Sie und Veranstaltungs-planerin Tatjana Merchuk nehmen sich die Zeit für drei verschiedene Treffen, Hausführung inklusive. Noch immer sind elf beeindruckende Kugel-Einschläge in den Korridorscheiben des ersten, zweiten, vierten, siebenten, dreizehnten und vierzehnten Geschosses zu sehen. „Auch etwa 20 Zimmer wurden getroffen“, berichtet Korneva auf Nachfrage. Die Schäden waren nur auf der Rückseite des Gebäudes, sowie in der Fassade Richtung Oktoberpalast feststellbar. Die Gebäudefront, Richtung Maidan zeigend, blieb verschont. Die Protestler schossen nicht auf das Hotel. Durchgängig, seit Januar oder gar schon Dezember, sei die Lobby von der „Samooborona“ besetzt gewesen, bestätigen die beiden Damen. Die Staatsmacht sei während dieser Zeit nie in das Hotel eingedrungen.

( –> Gespräch www.youtube.com/watch?v=XU6pRq5U3sI )

Dreifacher Durchschuss im Korridor - (c) Billy Six

Dreifacher Durchschuss im Treppenhaus – (c) Billy Six

„Das ist auch logisch“, meint Militärexperte Carsten Bothe. „Wir haben in der Bundeswehr mit 30 Mann für 15 Monate trainiert, um eine Hausräumung durchführen zu können. Da konnte die Polizei nicht mal eben eine Spontanaktion machen – zumal bei all den Zivilisten im Hotel.“ Westliche Journalisten tun sich bis heute schwer, dies zu glauben – da es die Möglichkeit ausschließt, dass die Regierungsseite vom „Hotel Ukraina“ aus feuern ließ. Und tatsächlich war es so, dass die Maidan-Kräfte in der Lobby und jene auf dem Platz durch den Vormarsch der Polizei für einige Stunden getrennt wurden. Auch zur jüngsten Verschwörungsthese, die (russischen) Scharfschützen hätten in zivil eingecheckt, winkt Bothe ab: „Kein Profi lässt sich auf so etwas ein. Gedeckte An- und Abmarschwege sind das A und O.“ Außerdem hätten die Schützen alle Fenster öffnen müssen, um dem Gegner nicht die Chance zu bieten, die Herkunft der Projektile zu lokalisieren.

„Nirgendwo ein Scharfschütze gefunden“

Abgeordneter lädt in sein Hotel-Zimmer

Abgeordneter Sergej M. lädt in sein Hotel-Zimmer – (c) Billy Six

Die Hotelverwaltung informiert darüber hinaus, dass der Zugang zum Dach auch damals stets versperrt gewesen sei – mit dem gleichen robusten Eisengitter, das auch heute noch zu sehen ist. Bei der Inspektion der Räumlichkeiten kommt es zum zufälligen Zusammentreffen mit Sergej Mikolaiovich, der für die Klitschko-Partei UDAR im Parlament sitzt. Er stellt sich als Maidan-Unterstützer der ersten Stunde vor und verbreitet eifrig die These vom Einsatz russischer Agenten. Seit November sei er hier im Hotel untergebracht, zuletzt ganz oben im 14. Geschoss, berichtet er im Gespräch. Dennoch: Belegen kann er seine Vermutung nicht. Und auch gesehen habe er nichts … außer dass sich das Hotel stets in der Hand der Opposition befunden habe. „Deshalb“, so Elena Korneva, „haben die Maidan-Kräfte auch sofort einen Raum nach dem anderen untersucht, zusammen mit unserem Direktor. Da wurde nirgendwo ein Scharfschütze gefunden.“

Draufgänger-Kameradschaft kaperte das Hotel

Und doch gibt es da ein unangenehmes Detail, über welches die Hotelangestellten nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: Eingerahmt vom Chaos des Notlazaretts, wo Ärzte und Freiwillige auf den Gängen um das Leben der aus nächster Umgebung Eingelieferten rangen, drang am 20. Februar eine kleine Gruppe Bewaffneter ins Gebäude ein … mindestens sieben teils maskierte Kämpfer der „Selbstverteidigung“, die mit einer Kalaschnikow, Jagdgewehren und Pistolen schreiend den Fahrstuhl in Beschlag nahmen … und aus mindestens einem der oberen Räume auf die Sicherheitskräfte feuerten. Zwei Videos beweisen das.

( –> http://www.youtube.com/watch?v=xws_Yy3YVa8 )

( –> http://www.youtube.com/watch?v=e4_GybZWZ90 )

Die Reaktion der staatlichen Einheiten, das „Hotel Ukraina“ scheinbar wahllos unter Feuer zu nehmen, verweist auf mangelnde Professionalität. Von den Dächern des Ministerkabinetts und der Nationalbank konnten sie das Geschehen aus 370 bzw. 270 Metern Entfernung in Ruhe beobachten – und die Gefahrenquelle dennoch nicht gezielt ausschalten. Vor laufenden Fernsehkameras ballerte ein Mann mit Helm und Tarnfarben-Jacke in der Institutskaja unter freiem Himmel aus seinem Luftgewehr in Richtung Polizei – ohne selbst getroffen zu werden.

„Polizei trat planlos und dilettantisch auf“

Die Erkenntnis reiht sich ein in eine lange Kette schier unglaublicher Vorgänge: Polizisten, die Steine und Molotow-Brandsätze auf Demonstranten werfen. Sicherheitskräfte, die vor einer aufgebrachten Menge davonlaufen. Dutzende Regierungseinheiten, die von Maidanlern verhaftet und entwaffnet werden. Dazu mehrere nie zu Ende gebrachte Räumungsversuche.

Haska

Ralf Haska in seiner Kirche, wo zahlreiche Verletzte unterkamen – (c) Billy Six

Ralf Haska, Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde in Kiew, erinnert sich an eine von ihnen: „Am Morgen des 11. Dezember kamen vier Busse zur Stürmung des besetzten Rathauses in der Khreschatik-Allee“, berichtet er bei einem Treffen in der Katharinen-Kirche, unweit des Tatortes. „Sie schienen überrascht und verzweifelt angesichts der von innen verriegelten Türen und waren ohne Orientierung“, so Haska. „Dann wurden sie von oben mit Wasser bespritzt und zogen nach vier bis fünf Stunden unverrichteter Dinge ab.“ Der Theologe aus dem Berliner Raum, seit Jahren in Kiew ansässig, fasst zusammen: „Die Polizei trat planlos und dilettantisch auf.“

In das Bild passt die zum Teil verrottete Munition, welche die Regierungsgegner von flüchtenden Einheiten erbeutet haben wollen. Und auch die Wut exilierter „Berkut“-Männer, mit denen knappe Gespräche auf der Krim möglich waren. Gegenüber ihrem früheren Dienstherrn Janukowitsch empfanden sie nur noch Verachtung – und dies nicht nur aufgrund seiner „feigen Flucht“, sondern auch wegen „fehlendem Biss gegenüber den Faschisten“. Immerhin wurde bis zuletzt kein Ausnahmezustand verhängt; das Militär blieb passiv.

„Scharfschützen nicht zielführend“

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Auch dieser Wasserwerfer der Polizei …

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… wurde von der Straße aus wahllos beschossen – (c) Billy Six

Militärexperte Carsten Bothe glaubt nicht, dass die russische Regierung ihre Spezialisten in ein solches „Durcheinander, Gestümpere und Geballere von allen Seiten“ geschickt hätte. „Am Ende“, so Bothe, „hätte Putin nur den Schwarzen Peter gehabt.“ Er verweist darüber hinaus auf den Umstand, dass Scharfschützen zur Räumung eines besetzten Platzes „nicht zielführend“ seien. „Ich rücke mit geballter Kraft von einer Seite langsam vor, und sorge dafür, dass die Menschenmassen über freie Straßen auf der Gegenseite abfließen.“ Einschub aus eigenem Erleben: Genauso war es beispielweise bei der Räumung des Kairoer Tahrir-Platzes am 19.11.2013 zu beobachten, wo die Staatsmacht ihre Gegner innerhalb von 30 Minuten vertrieb. Bothe: „Wenn in solchen Situationen überhaupt ein Scharfschütze zum Einsatz kommt, dann um hochwertige Ziele zu elimieren. Dazu zählen der Hetzer auf der Bühne oder auch derjenige, der gerade Molotows abfüllt. Angst und Schrecken sorgen dann dafür, dass der Rest die Beine in die Hand nimmt. Das Massakrieren von unbewaffneten Leuten hinter Metallschilden mitten auf einer Straße macht dagegen strategisch keinen Sinn.“

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