Die Wurzeln des Hasses – Warum ein Oasen-Kaff gegen Gaddafi aufbegehrt

„Der Islam ist die einzig wahre Religion“ – Imam Mohamed Nassieb, höchster geistlicher Würdenträger im Wüsten-Nest Al Jahrbub (28.03.2011)

Ende März 2011: Mit gewisser Ohnmacht scheint das Ausland auf den Beginn der Libyschen Revolution reagiert zu haben. Über Jahre für Ausländer sicher, hat sich das nordafrikanische Land mit dem 17. Februar 2011 über Nacht in ein Kriegsgebiet verwandelt.

Es wird gesagt, dass die Gaddafi-Familie und ihre Seilschaft das eigene Volk wie Aussätzige in einem großen Gefängnis festgehalten habe. Die konkreten Geschichten von Gewaltverbrechen stoßen jedoch erst jetzt auf weltweites Interesse. Ein Fall, der die libysche Seele besonders verletzt haben dürfte, ereignete sich einst fern aller aktuellen Kampfhandlungen: In der Oasenstadt Jahrbub.

Jahrbub , 27.03.2011
1984 ließ Gaddafi als Reaktion auf eine Rebellion in Tripolis und Bengasi die Moschee des Imam Mohamed Senussi mit TNT sprengen. Wie ein Damoklesschwert lastet noch immer Trauer über dem Ort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es sind fast 300 Kilometer Fahrt vom ost-libyschen Tobruk gen Süden, quer durch die Sahara. Alte Gebäude und verrostete Zäune erinnern noch an die Anwesenheit der Kolonialmacht Italien von 1911 bis 1943. Wenige Beduinen treiben ihre Kamele durch die Landschaft. In der Kleinstadt leben nur 3.000 Einwohner. Flache Steinhäuser, verstaubte Straßen, eine Dattelplantage und ein paar Salzseen … Ansonsten nur Sand – bis zum Horizont.

Und doch hat dieser Ort, der sich am 21. Februar friedlich von der Gaddafi-Herrschaft losgesagt hat, eine Geschichte zu erzählen: Ein 100 Meter weites Trümmerfeld im Zentrum bestimmt das Bild. Was ist hier geschehen?

Imam Mohamed Nassieb, 75, demonstriert seine Trauer. Mit der rechten Hand wischt er sich durch die Augen. 1855 habe sein spirituelles Vorbild, Imam Mohamed Senussi, eine gewaltige Moschee in die Wüste bauen lassen. Von hier soll der gebürtige Algerier also mit der Remissionierung der ost-libyschen Cyrenaika begonnen haben. “Die Leute waren ungebildet und haben viele islamische Regeln nicht mehr befolgt“, sagt Nassieb.

Der Enkel Idris Senussi, geboren in Jahrbub, setzte das Werk des berühmten Großvaters fort – als König aller Libyer. Seinem „freiwilligen Abtritt“ nach 18 Jahren Regentschaft folgte der Militärputsch Muammar al Gaddafis im Jahr 1969.

Der selbst ernannte Revolutionsführer setze der sufistischen Senussi-Bewegung die basisdemokratische und gleichheitsorientierte Ideologie des „Grünen Buchs“ entgegen. Die Abneigung in der Cyrenaika gegen die neue Indoktrinierung nahm von Jahr zu Jahr zu. Auch, weil die Reden des Machthabers nichts mit der Realität gemein hätten, heißt es hier immer wieder. 1984 sei es schon einmal zu Unruhen in Libyen gekommen – fernab, in den Städten. Im spirituellen Zentrum des Senussi-Ordens wäre es dagegen ruhig geblieben. Doch der gereizte Diktator habe nach der Niederschlagung seine Form der Machtausübung demonstriert: Die Senussi-Moschee wurde demnach vor den Augen der Bevölkerung in die Luft gesprengt … und Querdenker wie Imam Nassieb teils für Jahre ins Gefängnis verschleppt. “Ich weiss bis heute nicht, was ich verbrochen haben soll“, sagt der alte Mann, der für ein schnelles Ende des Regimes betet.

Jahrbubs Bürgermeister Mohamed Scharif, 64, hat den Übergang zur Rebellion mit organisiert. “Niemand bei uns mochte Gaddafi – auch nicht die Scheichs und Polizisten.“ Er ruht auf dem Teppichboden des Wohnzimmers und raucht seine Zigarette ohne jede Emotion. Für ihn ist klar, dass Gaddafi jegliche Berechtigung zur Regierungsführung verloren hat. “Wer eine Moschee vernichtet und seine eigenen Leute tötet, vertritt nicht das libysche Volk. Wir sind gläubige Muslime – Gaddafi nicht.“

Anmerkungen Juni 2012: Dieser Bericht ist geprägt von den Erzählungen der Leute in Ost-Libyen. Wie ich erst später erfuhr, gibt es in anderen Landesteilen viele Libyer, welche die Ereignisse in Al Jahrbub nicht kennen – und sich dafür auch nicht interessieren. Vor allem im westlichen Tripolitanien und im südwestlichen Fessan hatte Gaddafi zum Zeitpunkt des 2011er Aufstandes auch viele Anhänger. Es steht zu vermuten, dass diese die Senussia-Bewegung eher als politische Feinde ablehnen. Und noch etwas musste ich dazu lernen: Tatsächlich hatte Gaddafi auch vielen Gegnern die Ausreise ins Exil gestattet.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.