{"id":918,"date":"2012-06-15T20:54:56","date_gmt":"2012-06-15T19:54:56","guid":{"rendered":"http:\/\/billys-reisen.de\/?page_id=918"},"modified":"2022-05-12T22:20:15","modified_gmt":"2022-05-12T20:20:15","slug":"dunkle-schatten-uber-der-fusball-wm","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/billys-reisen.de\/?page_id=918","title":{"rendered":"Dunkle Schatten \u00fcber der Fu\u00dfball-WM"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\">Fu\u00dfball-WM in S\u00fcdafrika:<\/p>\n<h2 align=\"center\">Globale Freudenfeier oder b\u00f6ses Erwachen?<\/h2>\n<p align=\"center\">&nbsp;&#8211; Ein kritischer Erlebnisbericht vom Kap &#8211;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Von Billy Six im April, Mai, Juni, August und September 2009 *<\/h5>\n<div id=\"attachment_919\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/billys-reisen.de\/?attachment_id=919\" rel=\"attachment wp-att-919\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-919\" class=\"size-large wp-image-919\" title=\"<SAMSUNG DIGITAL CAMERA><p id=\"caption-attachment-919\" class=\"wp-caption-text\">&#8220; src=&#8220;http:\/\/billys-reisen.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/August-2009-for-transfer-881-1024&#215;768.jpg&#8220; alt=&#8220;&#8220; width=&#8220;640&#8243; height=&#8220;480&#8243;><\/a> Attacke kurz vor Kapstadt &#8211; zwei Halbstarke rennen davon, nachdem sie einen Simbabwe-Migranten ausgeraubt haben (09.09.2009)<\/p><\/div>\n<p>Bisher waren es nur Erz\u00e4hlungen. Nun ist es Realit\u00e4t. An einer Stra\u00dfenkreuzung im Zentrum von Johannesburg, der gr\u00f6\u00dften Stadt in S\u00fcdafrika, wird gerade ein Auto \u00fcberfallen. Dabei dachte ich bis eben noch, die f\u00fcnf schwarzen M\u00e4nner, welche das an der Ampel wartende Fahrzeug verdeckten, wollten sich nur unterhalten, allenfalls etwas verkaufen. Die Situation ver\u00e4ndert sich wie ein Donnerschlag, als einer der kr\u00e4ftigen J\u00fcnglinge sich mir zudreht, und mein Blick auf die eingeschlagene Fensterscheibe f\u00e4llt. Ich nehme die Beine in die Hand und flitze zur\u00fcck um die Stra\u00dfenecke, von der ich gerade kam. Ich bin durcheinander. Hilfe, ja Hilfe rufen, das w\u00e4re das Beste. Doch die an den schroffen H\u00e4userfronten dieser braunen und eint\u00f6nigen Betonw\u00fcste herumlungernden und finster dreinblickenden Gestalten erscheinen mir da nicht hilfreich. W\u00e4hrend ich noch \u00fcberlege, sehe ich wie die R\u00e4uber sich die Taschen aus dem Fahrzeug haben geben lassen und sich in verschiedene Richtungen zerstreuen. Der schwarze Gro\u00dfstadtdschungel von Johannesburg nimmt sie sch\u00fctzend in sich auf. Zur\u00fcck bleibt ein verst\u00f6rtes wei\u00dfes Ehepaar. Durch die zerst\u00f6rte Scheibe frage ich, ob ich helfen k\u00f6nne. Der Kopf der Frau zittert, doch es soll Nein hei\u00dfen. Ihre Augen scheinen mindestens einen halben Zentimeter herausgewachsen. Ihr Mann dr\u00fcckt nun aufs Gas, mit Tempo geht es weg von hier \u2013 dem Verkehr und dem Ampellicht zum Trotze. Zur\u00fcck bleibt eine von Glassplittern und Plunder \u00fcbers\u00e4hte Stra\u00dfe. Wie ein unwirklicher Traum ist das Geschehene verpufft \u2013 am helllichten Tage hat dieser Vorgang in weniger als einer Minute stattgefunden. Die Umstehenden gucken merkw\u00fcrdig, mit einer Mischung aus Desinteresse und Verachtung, w\u00e4hrend ich nach Hilfe suche. Eine mollige \u00e4ltere Schwarze sammelt den Plunder auf, doch sie geh\u00f6rt mitnichten zu den schlimmsten der urbanen Aasgeier. Sogar im Schnellrestaurant teilt man mir mit, dass es keinen Willen gebe, die Polizei zu alarmieren \u2013 schlie\u00dflich sei der Chef nicht da.<\/p>\n<p>In meinen zehn Monaten, die ich nach Abschluss dieser 2009er Etappe bereits per Anhalter und zu Fu\u00df in Afrika unterwegs sein werde, ist mir nirgends ein Land begegnet, in welchem das 21. Jahrhundert und die Steinzeit so krass aufeinanderprallen. Und hier in S\u00fcdafrika soll im Sommer 2010 die Fu\u00dfballweltmeisterschaft stattfinden. An Infrastruktur, zum gro\u00dfen Teil in der Apartheidzeit von 1948 bis 1994 errichtet, wird es unter dem Strich nicht mangeln. Wohl aber an Sicherheit f\u00fcr die Hunderttausende an Besuchern. Selbst nach offiziellen Statistiken werden allein in Johannesburg mit \u00fcber 3.000 Toten jedes Jahr mehr Menschen ermordet als in ganz Deutschland zusammen.<\/p>\n<p>Als ich den Ort des \u00dcberfalls fotografieren m\u00f6chte, kommt ein gepanzerter Polizeiwagen vorbei. Ich solle hier besser schnell verschwinden, sagen sie, und ich werde das Gef\u00fchl nicht los, dass die Staatsdiener selbst ganz froh sind, das enge Fahrzeug nicht verlassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ende April waren in der K\u00fcstenstadt Durban einige Polizisten im Zuge der Verfolgung von Bankr\u00e4ubern ums Leben gekommen. Betroffenheit konnte ich vor Ort nicht wirklich sp\u00fcren, vielmehr war die Gewalt auch im Natal bereits beklemmende Normalit\u00e4t. Selbst eine gro\u00dfe Kirche, wo ich der Armenk\u00fcche bei der Arbeit half, \u00e4hnelte mit ihren hohen Mauern und dem Stacheldraht eher einem Milit\u00e4rbunker. Eine 83j\u00e4hrige schwarze Ordensfrau rief gen Himmel: <em>\u201eNirgendwo ist man mehr sicher \u2013 nicht einmal in der Kirche. M\u00e4nner, Frauen, S\u00fcdafrikaner, Ausl\u00e4nder \u2013 Alle sind kriminell.<\/em>\u201c<em> <\/em>Als sie den Dutzenden arbeitsf\u00e4higen jungen M\u00e4nner, die sich auf dem chaotischen Vorplatz f\u00fcttern lie\u00dfen, auch noch das dreckige Geschirr hinterher r\u00e4umen musste, platze ihr der Kragen: <em>\u201eWas habt Ihr aus unserem Land gemacht?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ein junger Mann aus Uganda, der sich heute als Autoh\u00e4ndler bet\u00e4tigt, machte klar, w\u00e4re da nicht das gute Geld, dann h\u00e4tte er Durban bereits lange verlassen. Er begleitete mich zu einem Obdachlosenheim, das nachts verschlossen und bewacht wird. Nach 18 Uhr wird es hier lebensgef\u00e4hrlich im Zentrum dieses vermeintlichen Idylls am Indischen Ozean. Er selbst ist vor kurzem von einer Bande Halbstarker angegriffen und verpr\u00fcgelt worden \u2013 konnte als Kampfsportler die Meute aber zur Strecke bringen. Die Polizei verharrte damals nicht mal 100 Meter entfernt auf ihrer Station.<\/p>\n<p>Auch aus Teilen von Johannesburg scheint sich die Staatsmacht zur\u00fcckgezogen zu haben. Hillbrow &#8211; das war einst ein modernes, multikulturelles Vorzeigeviertel. Wohlhabende bezogen Quartier, Genie\u00dfer sa\u00dfen in den Stra\u00dfen-Cafeterias. Wie die Welt sich doch \u00e4ndern kann. Ich sehe keinen einzigen Wei\u00dfen und keinen Ordnungsh\u00fcter. Viele der hohen H\u00e4user stehen leer, Fenster sind eingeschlagen, die Hauptstra\u00dfe ist aufgerissen und mit Warnb\u00e4ndern abgeschirmt. An den Seiten t\u00fcrmen sich Schlamm und M\u00fcll. Anders als im teilweise ausgestorben wirkenden Zentrum tummeln sich hier jedoch eine Menge Menschen \u2013 freundlich sind sie mir gegen\u00fcber aber nicht gestimmt. Um einen Angriff pr\u00e4ventiv zu verhindern, versuche ich alles, um als Stra\u00dfenpenner zu wirken \u2013 und sammle die unz\u00e4hligen bronzenen F\u00fcnf-Cent-M\u00fcnzen auf.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber solchen Zust\u00e4nden wirkt das einstige Vorstadtghetto Soweto, fr\u00fcher Schauplatz blutiger K\u00e4mpfe, beinahe friedlich. Nur die bohrenden Blicke st\u00f6ren. Das Gef\u00fchl dauernder Unsicherheit. Und die Familie, bei der ich kurz unterkomme, kann dem nicht zum Abbruch verhelfen. Die Frau des Hauses legt ein Messer auf den Tisch und berichtet, wie sie damit eine andere Frau t\u00f6tete. Diese habe nun einmal nicht ihre Handtasche abgeben wollen. Auch mich laden sie nun ein, an den R\u00e4ubertouren teilzunehmen \u2013 man ben\u00f6tige Hilfe beim Vordringen in die gesicherten H\u00e4useranlagen der Wei\u00dfen. Drau\u00dfen sitzen S\u00f6hne, Br\u00fcder und Vettern \u2013 alle angetrunken. Es ist zwei Uhr Nachmittags.<\/p>\n<p>Dann auch noch Sch\u00fcsse. Es ist Nacht und ich bin mittlerweile in die Hauptstadt Pretoria weiter gezogen. Hier in dieser gro\u00dfen Wohn- und Klubsiedlung am Rande des Gro\u00dfraums haben sich burische Angola-Veteranen der alten Armee einen sicheren Hafen geschaffen. Wir sind gesch\u00fctzt. Relativ. Dicke Mauern, Elektroz\u00e4une und ein bewaffneter Wachdienst. W\u00e4hrend es in vielleicht zwei Kilometern Entfernung knallt und Sirenen heulen, reden die kr\u00e4ftig gebauten M\u00e4nner mit einem Bier in der Hand und sprechen \u00fcber ihr Land. Jeder wei\u00dfe S\u00fcdafrikaner sei nach 1994 bereits einmal Opfer von Kriminalit\u00e4t geworden. Und die Regierungspartei ANC lasse bei der juristischen Aufarbeitung Opfer- vor T\u00e4terschutz walten. Schlie\u00dflich sei sie von den schwarzen Massen abh\u00e4ngig, bei denen oftmals noch der Glaube vorherrsche, die Wei\u00dfen st\u00fcnden in ihrer Schuld &#8230; Es herrscht wieder Stille. Die Frauen im Klubhaus schn\u00fcren Geschenke f\u00fcr Stra\u00dfenkinder \u2013 egal ob schwarz oder wei\u00df.<\/p>\n<p>Vielleicht ist eine Analyse sehr zutreffend, welche mir ein \u00e4lteres deutsches Unternehmerpaar in Angola mitteilte, deren Kinder in S\u00fcdafrika studieren: <em>\u201eBis zur Fu\u00dfball-WM wird Pr\u00e4sident Zuma das Konzept der Regenbogennation und des Sonnenscheins noch fortsetzen. Wenn es danach aber zu offiziellem Wei\u00dfenhass und umfassenden Enteignungen kommt, wollen wir mit S\u00fcdafrika auch nichts mehr zu tun haben \u2013 ein B\u00fcrgerkrieg ist dann nicht mehr fern.<\/em>\u201c Es ist schon beklemmend, wie viele Leute trotz allem davon ausgehen, dass es in Zukunft noch schlimmer kommt. <em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>* Geschrieben im Januar 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball-WM in S\u00fcdafrika: Globale Freudenfeier oder b\u00f6ses Erwachen? &nbsp;&#8211; Ein kritischer Erlebnisbericht vom Kap &#8211; Von Billy Six im April, Mai, Juni, August und September 2009 * Bisher waren es nur Erz\u00e4hlungen. Nun ist es Realit\u00e4t. 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